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Und wenn wir die ganze Welt durchreisen, um das Schöne zu finden: Wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nicht.

(Ralph Waldo Emerson)

Im Gespräch mit Dr. Nina Schwaiger, Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie

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Liebe Frau Schwaiger, was bedeutet Schönheit für Sie persönlich?  

Schönheit ist sehr subjektiv, auch wenn es objektivierbare Kriterien gibt. Schönheit ist immer das Gesamtpaket: Wenn jemand auch von innen das repräsentiert, was er außen zeigt, ist es ganz anders als wenn der schönste Mensch vor einem sitzt, der wenig innere Schönheit hat. Und ich glaube, wenn jemand mit sich selbst zufrieden ist, zeigt er das im Aussehen ganz anders als jemand, der mit seinem Leben nicht zufrieden ist. Das ist ein sehr wichtiger Punkt: Die innere Einstellung. Die innere Schönheit, ja.

Nun tun wir uns ja oft sehr schwer damit, mit unserem Aussehen zufrieden zu sein. 

Es hat viel damit zu tun, wie man aufgewachsen ist. 

Nina Schwaiger 

Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass es sehr viel damit zu tun hat, wie man aufgewachsen ist. Wie sehr man von seinen Eltern oder von seiner Umgebung die Bestätigung erhält, dass man etwas toll macht oder toll ist oder gut aussieht. Und ich merke in der Interaktion mit Patienten und überhaupt mit Menschen oft, dass gerade dieses in der Jugend gelernte Selbstbewusstsein großen Einfluss darauf hat, wie jemand mit sich selbst zurecht kommt – und mit seinem Aussehen.

Jane Iredale hat auf diese Frage sinngemäß gesagt, dass man manchmal Menschen kennenlernt, die sehr schön sind. Und wenn man sie dann näher kennenlernt, dann geht der Lack ab. Umgekehrt erlebe ich es auch, dass ich Menschen als unattraktiv wahrnehme, aber wenn ich sie dann kennenlerne, habe ich ein ganz anderes Bild von ihnen. Innen und außen, es spielt irgendwie zusammen – aber es bleibt für mich immer noch geheimnisvoll.

Man glaubt gar nicht, wie viel Hässlichkeit die angestrengte Beschäftigung mit der Schönheit erzeugt.

Karl Kraus 

Ich bemerke schon auch bei mir, dass ich – einfach durch unseren Beruf – die Leute analysiere. Weil ich sehe und weiß, was man da noch machen kann, um das Aussehen zu verbessern. Und weil ich gewisse offensichtliche Makel erkenne. Da ertappe ich mich schon dabei, wenn ich am Strand liege und Leute sehe, dass ich im Kopf diesen Film fahre, was ich tun könnte. Das passiert eigentlich nicht, wenn ich Menschen kennenlerne und mit ihnen spreche und merke, was für eine Persönlichkeit dahinter ist. Aber wenn ich Menschen so aus der Ferne wahrnehme… das passiert schon, muss ich ehrlich sagen.

Ja, man kriegt einen urteilenden Blick, weil man auf die Details guckt. Und wenn man die Details sieht, dann sieht man nicht mehr so den gesamten Menschen. Das merke ich auch.

 Und was mir auch auffällt, ist, dass Leute, die ein graphisches Denken haben, die beruflich mit Präzision im Kopf zu tun haben, dass die viel genauer Dinge an sich selber analysieren als Leute, die einen anderen Beruf haben. Die kommen schon mit viel konkreteren Vorstellungen zu uns in die Sprechstunde als jemand, der zum Beispiel Jurist ist.

Frauen haben oft Angst um ihren Job, weil sie älter werden.

Nina Schwaiger 

Sind es denn bestimmte Berufsgruppen, die ganz besonderen Wert auf Schönheit legen?IMG_3095

 Ja, da gibt es schon spezielle Berufsgruppen. Das sind zunächst einmal Frauen, die viel mit Menschen in Kontakt sind, also viel Kundenkontakt haben – egal, in welcher Form. Da merkt man, dass es zunehmend wichtiger wird, wie sie aussehen. Vor allem, wenn sie etwas älter werden. Sie haben dann wirklich oft auch Angst um ihren Job, weil sie jetzt älter werden. Das ist mir schon oft erzählt worden von Patienten.

 Welche Berufe sind das?

Ganz unterschiedlich. Zum Beispiel Frauen, die in einer Bank arbeiten. Da habe ich jetzt gerade ein paar Patientinnen gehabt. Dann Frauen in akademischen Berufen, die in einer von Männern dominierten Welt eine hohe Position haben in höherem Alter. Oder Ärztinnen, die denken, dass sie auf Grund der Alterszeichen nicht mehr mithalten können. Es wird immer mehr, ja.

„Für eine Umfrage der Frauenzeitschrift Petra wurden im vergangenen Jahr 1000 Frauen gefragt, ob sie 10 Punkte Ihres Intelligenzquotienten opfern würden, wenn sie dafür einen Schönheitsmakel ausgleichen könnten. Fast drei Viertel der Frauen antworteten mit Ja.“ (Quelle: http://www.zeit.de/2012/45/DOS-Schoenheitswahn

Nach Ihrer Praxiserfahrung: Was mag so viele Frauen antreiben, einem makellosem Idealbild zu entsprechen und ihr Aussehen sogar über ihre Intelligenz zu stellen?

Der hat mich sehr frustriert, dieser Satz, muss ich sagen. Das ist sehr, sehr schade. Aber das zeigt leider auch ein bisserl den Zustand unserer Gesellschaft: Dass offensichtlich Frauen immer noch damit leben können, dass sie generell nicht so schlau sein müssen – Hauptsache, sie sehen gut aus. Das finde ich wirklich frustrierend, dass das offensichtlich so ist.

Offensichtlich können Frauen immer noch damit leben, dass sie nicht so schlau sein müssen – Hauptsache, sie sehen gut aus. Das finde ich wirklich frustrierend! 

Nina Schwaiger 

Auf RTL gibt es eine Sendung „Extrem schön!“ Wir können dort zusehen, wie hässliche Entlein zum schönen Schwan umgemodelt werden. Wie sie vor Schmerzen weinen und dann bald darauf in die Kamera berichten, wie glücklich sie seit der Operation sind und wie ihr Leben sich verändert habe. Wie nahe liegen nach Ihrem Ermessen Schönheit und Glück beieinander?

Ich befürchte, ich muss sagen, dass es wahrscheinlich relativ nah beieinander liegt.

Das ist eine ehrliche Antwort…

IMG_3094Man hat, wenn man versucht, das ein bisserl objektiv zu betrachten, den Eindruck, dass generell attraktive Leute mehr Glück haben und auch wahrscheinlich in der Masse glücklicher sind. Aber da kommt man in einen Irrkreis: Dann kann man nämlich auch sagen, dass das alles wieder eine Frage des Selbstbewusstseins ist. Wer besser aussieht, hat mehr Selbstbewusstsein und ist dadurch vielleicht erfolgreicher im Job und dadurch glücklicher. Und dadurch auch obendrein glücklicher in der Partnerschaft.

Also, es ist sehr schwierig, da Ursache und Wirkung zu trennen?

Ich habe so den Eindruck, dass Menschen, die – ich sage jetzt mal durchschnittlich gut aussehen, insgesamt im Leben besser zurecht kommen und dadurch glücklicher sind, als wenn jemand zumindest ein subjektives Schönheitsmakel hat oder dem Ideal nicht entspricht

Man sagt ja auch, dass schöne Menschen sympathischer wirken.

Nein, das würde ich nicht unbedingt sagen. Da kommen wir nämlich wieder zur ersten Frage zurück. Wir sehen in der Praxis wirklich jeden Tag sehr schöne Menschen, die mit einem Wunsch nach Verschönerung zu uns kommen. Wenn da aber nichts von innen dazukommt, dann steht da ein objektiv schöner Mensch vor mir, aber ich denke mir trotzdem: Der ist mir nicht sympathisch!

Mit der richtigen Einstellung zur Operation kann ein Mensch tatsächlich glücklicher werden. Aber es ist sehr schwierig, die Patienten herauszufiltern, die es aus der richtigen Motivation heraus machen. Die richtige Motivation darf eigentlich nur die sein, dass man selber das möchte. Mir ist schon aufgefallen, dass viele überhaupt erst anfangen, sich mit dem Thema Schönheitsoperation auseinanderzusetzen, wenn der Input von jemand anderem kommt. Das kann der Partner sein oder Freunde…

Ich dachte, dass die meisten Frauen das tatsächlich für sich tun!

Die Frauen machen sich nur deshalb hübsch, weil das Auge des Mannes besser entwickelt ist als sein Verstand.

Doris Day

Das stimmt, das sagen die meisten. Es ist auch so, dass viele das für sich tun wollen und sie betonen das auch stark. Aber es kommen trotzdem noch relativ häufig vor, dass jemand auf Grund des Nachdrucks von außen kommt. Da muss man sehr aufpassen, weil man diese Patienten nicht mit hundert prozentiger Sicherheit glücklicher machen kann – weil das Problem dann ganz woanders liegt.

Also Schönheit und Glück liegen nah beieinander.

In vielen Fällen denke ich schon, ja.

Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.

Christian Morgenstern 

Liebe Frau  Schwaiger, vielen Dank für das interessante Gespräch. 

Fortsetzung folgt! 

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