Ein Gleichnis

Azrail, der Todesengel, wurde gefragt, was er empfinde, wenn er die Seelen der Menschen nehmen müsse.

„Einmal“, antwortete Azrail, wie eine alte islamische Schrift erzählt, „lächelte ich. Ein andermal weinte ich. Und ein drittes Mal erschrak ich…

Gelächelt habe ich“, sagte der Todesengel, „als ich die Seele eines Mannes holte gerade in jener Minute, da er von seinem Schuster ein paar Stiefel verlangte, die ihn ein ganzes Jahr lang tragen sollten.

Ich weinte, als eine Mutter ihre beiden Söhne zum Fluss schleppte, aber nur einen hinübertragen konnte und den anderen am Ufer zurückließ. Als sie wieder durch den Fluss schwamm, um auch ihn zu holen, riss eine Stromschnelle sie mit…

Ein großer Schreck überfiel mich“, erinnerte sich der Todesengel, „als der Allmächtige mir den Auftrag gab, zwei kriegstrunkene Militärführer just zu jener Stunde abzuberufen, da sie selbst aufeinander einschlugen. Die schiere Gewalt dieser Menschen entsetzte mich…

Ein anderer Engel“, so kam Azrail zum Schluss, „hat mir später erzählt, dass die beiden Militärführer, die mich erschreckten, jene Brüder waren, die ich beweint hatte, als sie getrennt an den Ufern des Stromes zurückblieben.“

Hiitzacker

Die Erinnerung an dieses Gleichnis veröffentlichte der Koranforscher Professor Enis Karić in Sarajevo erstmals 1992 (Quelle: DIE ZEIT NR. 15/ 4. April 2002)

2 Kommentare

Eingeordnet unter GEDANKEN, GEDICHTE UND KLEINE PROSA

2 Antworten zu “Ein Gleichnis

  1. Sehr interessanter Artikel. Hoffe Sie veröffentlichen in regelmäßigen Abständen solche Artikel dann haben Sie eine Stammleserin gewonnen. Vielen dank für die Informationen.

    Gruß Anna

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